Anekdoten aus dem 18. Jahrhundert PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: i.A. Webmaster   
Freitag, den 28. August 2009 um 01:00 Uhr

Es ist nicht alltäglich, dass man in den Kirchenbüchern Angaben über Taufen von Sintis findet, - so nun nachstehend der Wortlaut einer Zigeunertaufe im Evangelisch-Reformierten Kirchenbuch von Webenheim-Mimbach, zu welcher der Hof Mölschbach gehörte:

Zigeuner-Taufe auf dem Mölschbacherhof 1770

Der damalige Pfarrer von Mimbach, Johann Abraham Müller, schreibt wörtlich: „Auf dem Mölschbacherhof wurde geboren den 18. April und getauft den 19. April 1770 Georg Gottfried Ludwig, Sohn von Christoph Winterstein von Höhn aus dem Darmstädtischen, angeblich Reform. Religion, und Maria Elisabetha, eine Tochter des Zigeuner-Schulzen Peter Meißen, Vagabundi (Landfahrer ohne festen Wohnsitz). Taufzeugen:

1.    Joh. Georg Landemann (Lindemann), herzoglicher Förster und Schultheiß zu Mimbach;
2.    Johann Georg Gottfried Moschel von Webenheim (Erbauer von „Metzger’s Haus“ Anno 1764);
3.    Joh. Ludwig Weber von Mimbach;
4.    Susanna Catharina, des seel. verstorbenen H. Pfarrer Kuhns Junioris Wittib;
5.    Maria Veronica, des Gerichtsmanns Johann Georg Ludwigs von Webenheim Haußfrau.
NB: von 3 Gevattern wurde der ½ Batzen bey H. Schulz hinterlegt, nach Obr. Neuordnung, also 1 ½ Batzen in Summa.“

Der Familienname Winterstein war in unserer Gegend als Zigeunername recht bekannt. Wahrscheinlich wird dieser Christoph Winterstein, der die Tochter des Zigeunerschulzen heiratete und mit ihr einen Sohn hatte, nach dem Ableben des Peter Meißen dann selbst Zigeunerschulze /Schultheiß) geworden sein.

Besonders auffallend ist bei dieser Taufe die Zahl der Taufpaten. Während normalerweise lediglich zwei bis drei Taufpaten genannt werden, sind hier sechs angegeben – und es musste nach obrigkeitlicher Anordnung ja ein halber Batzen zusätzlich für jeden über die Anzahl drei hinausgehenden Gevatter bezahlt werden. Das ist ein Anzeichen dafür, wie wichtig diese Taufe genommen und dass bei dieser Taufe in keiner Weise gespart wurde.

Der Täufling trägt die Vornamen Georg, Gottfried und Ludwig nach seinen Gevattern. Als solche wurden besonders angesehene Personen von Mimbach und Webenheim gebeten.

An erster Stelle steht Joh.Georg Lindemann, herzoglicher Förster und gleichzeitig Schultheiß zu Mimbach (geboren 1726 zu Plattenhardt/Württemberg, zuerst in dortigen, dann in pfälzisch-zweibrückischen Diensten). Dann Johann Georg Gottfried Moschel (geboren 1737 als Sohn des Schultheißen Nickell Moschell zu Webenheim und Nachkomme des im 30-jährigen Krieg lebenden Pfalz-Zweibrückischen „Landfendrich“ Mathes Moschel). Ferner Johann Ludwig Weber in Mimbach (aus der weit verbreiteten westpfälzischen Familie Weber, meist Müller von Beruf).

Dann folgte als Taufpatin zuerst Susanna Catharina, die Witwe des gewesenen Pfarrers zu Mimbach. Aemilius Kuhn (Sohn und Helfer seines Vaters, des Pfarrers Johann Gottfried Kuhn, in Mimbach), ferner Maria Veronica, Hausfrau des Gerichtsmannes zu Webenheim Jacob Schunck, und Maria Elisabetha, Hausfrau des Webenheimer Gerichtsmanns Johann Georg Ludwig, Sohn des Schreiners Abrahahm Ludwig.

Dieser Taufeintrag erhellt, dass die wie heute in Sippenverbänden umherziehenden Zigeuner des 18. Jahrhunderts auf ihr Renommee sehr wohl bedacht waren und bei Festlichkeiten, wie bei einer Kindertaufe, durch ein besonders großes Aufgebot an Taufpaten mit dem dann sonst noch dazugehörigen entsprechenden Aufwand keinesfalls eine falsche Sparsamkeit an den Tag legten.